Klassiker: Sarah Burrini – Von Pilzen und Schokodrogen

derLachwitz
Wie würdest du die Zeit beschreiben bevor du dich entschlossen hast, jetzt aus dem was du hast, einen Webcomic zu machen?

Sarah Burrini
Vorher gab’s nur ein Blog mit ein paar sporadischen Zeichnungen und wenn ich wirklich ganz ehrlich bin, ich hatte immer ein Gefühl der tiefen Unzufriedenheit. Denn ich wusste schon von Anfang 2001, nach dem Abitur: Ich will was erzählen!

Aber was kann das sein? Wie soll ich das anpacken? Und ich möchte gern was Regelmäßiges machen, oder eine Geschichte, oder einen großen Comic schreiben. Etwas wo man dann sagt ‚Das bin ich‘.

Joscha Sauer sagt zum Beispiel ‚Ich bin Nichtlustig‚, bei Flix kann man tausend Sachen sagen, ‚Ich bin Held‘, ‚Ich bin Don Quijote‘, dies und das und Ralph Ruthe ist ‚Frühreif‘. So ein eigenes Ding, das hat mir immer gefehlt und ich wusste nicht, wie ich’s angehen sollte. Ich war auf den Comicmessen dann fast schon immer so ein bisschen unzufrieden und neidisch, weil ich dachte ‚Wann mach ich denn bald was? Was soll ich denn machen? Ich weiß es einfach nicht wie ich’s angehen soll‘. Insofern hat sich diese Anspannung, ohne dass ich das so geplant hätte, durch diesen Webcomic gelöst. Es hat sich irgendwie dann so ergeben.

Bei einem Praktikum in den USA habe ich damals zum ersten mal von Webcomics erfahren. Dass es so etwas gibt, wusste ich vorher noch nicht, beim Praktikum habe ich dann aber auch Webcomiczeichnerinnen kennengelernt.

Da dachte ich dann ‚Hmm, das ist eigentlich eine schöne Sache. Da hast du dann was Regelmäßiges. Ok ich geh das dann mal an, jeden Montag ein Comic.‘ Früher gab’s den Ponyhof nur einmal die Woche. Ich hab ja diese Figuren, die ich eigentlich schon fast aufgeben wollte. Diese Kurzgeschichten mit denen, das hat bis dahin irgendwie nicht richtig funktioniert.
Ich wär aber nie darauf gekommen, dass es das Format ist, sondern dachte, die Figuren funktionieren so einfach nicht. Und dann bin ich das ganze eigentlich ziemlich locker angegangen und hab gedacht ‚So, jetzt probierst du es mal aus mit einem Webcomic-Strip‘, ich wollte eigentlich auch keinen Gag-Strip machen. Ich wollte mich überhaupt nicht unter diesen Druck setzen, dass da immer am Ende eine Pointe ist. Und jetzt mache ich jedes mal irgendwie eine Pointe (lacht). Aber ich zwing mich da nicht so zu.

derLachwitz
In deinen Comics spielst du zwar die Hauptrolle, aber es ist klar zu erkennen, dass du dort nur einen begrenzten Bereich aus deinem echten Privatleben zeigst. Andere Zeichner gehen da offener oder auch gewagter mit ihrem Leben um. Beispielsweise ‚Es wird ein Hase‘, oder auch ‚Beetlebum‚. Glaubst du, der Voyeurismus der Gesellschaft ist eine Gefahr für die Erzählmöglichkeiten von Webcomics oder gar eine Chance?

Sarah Burrini
Das ist für mich sehr schnell eine Sache gewesen von der ich wusste, dass ich sie nicht so möchte. Ganz einfach auch primär, noch nicht mal wegen der Gefahr, dass ich denke, die Leute würden zu viel über mich wissen; sondern weil ich denke, dass mein Leben nicht so spannend ist. Es gibt wirklich solche Beispiele wie ‚Es wird ein Hase‘, die haben eine besondere Phase, und die haben es geschafft; wie auch James Kochalka, auch diese kleinen Momente zu etwas Besonderem zu machen. Das sind dann diese leisen Strips, die aber auch ihre Wirkung erzielen.

Und das ist auch vollkommen in Ordnung, das ist auch schön, aber ich glaube, ich habe nicht diesen Humor oder diesen Ansatz im Erzählen dafür. Ich möchte schon etwas lauter sein im Humor und es ist halt nicht so, dass man jeden Tag etwas Lustiges erlebt. Wenn da dramatische Sachen passieren, die mein Leben prägen, möchte ich Ruhe.

Ich möchte das dann lieber für mich behalten, weil ich weiß, wenn eine Sache im Netz ist, dann geht sie auch nicht wieder raus. Und ich habe auch in den USA eine von diesen Webcomiczeichnerinnen kennen gelenrt, Erika Moen, die macht eigentlich Sachen, die ähnlich sind zu dem was Maike Plenzke macht. Und Sie hat mir erzählt was ihr so passiert ist. Sie hat einen sehr freizügigen Comic, wo sie auch öfters über Sex und Unfälle beim Sex schreibt, oder Spielzeuge oder Sachen die sie mit ihrem Freund ausprobiert. Aber das ist alles halt so pornographisch wie Vanilleeis. Es ist wirklich lieb und nett, es ist nichts Anrüchiges dabei, es ist total harmlos.

Aber die Reaktionen sind umso heftiger. Denn irgendwann werden die Leser zu dem Echo von dem, was du im Comic darstellst. Das heißt, sie ist zwar wirklich eine normal zurückhaltende Person, die keinen Hehl daraus macht, dass sie Sex hat, aber sie sitzt dann auf Messen und dann kommen ganz komische Leute an, die anbieten mit ihr zu schlafen.

Das mag zwar einer von tausend sein, aber es sind schon komische Sachen passiert, auch wirkliche Hassmails. Es gab beispielsweise auch mal den kleinen harmlosen Ausspruch von ihr in ihrem Comic, aus dem Kontext gerissen, dass sie Transsexuelle süß findet. Das gab dann einen riesigen Aufstand in der Trans-Gender-Gemeinde, die haben ihren Stand überrumpelt und sie richtig fertig gemacht.

Das ist etwas das mir dann zu hart wäre. Ich weiß, dass ein Webcomic machen, ist im Prinzip wie sich auf den Marktplatz stellen und einen Witz erzählen, oder eine Geschichte und dann wird man auch tausend Meinungen hören, die verschieden sind. Aber ich möchte dann doch mein Privatleben privat halten, weil ich denke, dass es a) nicht so interessant ist für die anderen und ich b) nicht die Reaktion wildfremder Menschen auf mein Privatleben brauche.

derLachwitz
Während einige Webcomics einen eher spartanischen Zeichenstil nutzen, dafür aber fast täglich etwas zeigen, wie beispielsweise ‚Lapinot‘, hast du einen ziemlich detailierten und entsprechend aufwendigen Stil. Dazu kommt noch die gedankliche Vorarbeit bis man eine brauchbare Idee hat. Wie viel Zeit steckst du in deine Strips?

Sarah Burrini
Die Idee ist für mich das Schwerste. Das Zeichnen ist für mich auch gar nicht so das Ding, das ist ja eher eine handwerkliche Fleißarbeit. Aber eben die Idee ist das Schwerste, und da bewundere ich auch Lapinot total. Der hat letzten Monat bei uns übernachtet, für die Intercomic, und da hat er mir für den Ponyhof ein kleines Bild gezeichnet. Auf dem Bild ist ein perfekt runder Kreis als Ngumbe. Das hängt jetzt über meinem Arbeitsplatz und ist so schön. Ich guck den jedes mal an und denk mir so ‚Boah, der ist so toll, der kann richtig gut zeichnen. Der verpackt seinen Humor auch richtig in seinen Zeichnungen.‘ Ich freue mich auch schon auf seine ‚Handkante des Schicksals‘ die er dann bei Zwerchfell machen wird.

derLachwitz
Ein Webcomic bietet ja einige organisatorische Vorteile. Du hast eine Idee, zeichnest sie, scannst sie und schwups, ist sie online, für alle verfügbar. Der gesamte Zwischenschritt über Verlag, Druck oder auch Tageszeitung entfällt, wodurch man veröffentlichen kann, was man möchte. Verleitet das dazu, dass man sagt, ich experimentiere jetzt mal und zeige auch Strips, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob die Idee zündet, oder ist man da eher noch vorsichtiger, da alles was online steht der scharfen Kritik durch die Leser ausgesetzt ist?

Sarah Burrini
Ich hab genau dieses Gefühl, dass ich mit dem Webcomic gerade alles rauslassen kann was mir einfällt, was mir da vorschwebt, was ich auch nur als vage Idee habe. Ich bremse mich da eigentlich nicht aus, ich möchte nur den Leser nicht vergessen. Worauf ich schon immer achte ist, dass es verständlich ist und dass ich nicht zu kryptisch werde oder eine Geschichte vielleicht so erzähle, dass Neueinsteiger gar nicht mehr folgen können.

Ich möchte mit dem Leser auch kommunizieren und ich möchte nicht nur komplett alleine tanzen, mich da quasi künstlerisch ausleben, sondern ich möchte auch unterhalten. Und da kann ich mich eben relativ offen ausleben.


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