Schraven/Burmeister – Kriegszeiten

CoverNach Arne Jyschs Wave and Smile legt Carlsen mit Kriegszeiten einen weiteren Comic zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan vor. Schon die äußere Aufmachung legt nahe, dass es dabei nicht um eine profane Leserjagd mit Effekthascherei geht. Fast das Gegenteil ist der Fall, denn David Schraven und Vincent Burmeister legen ein vergleichsweise nüchternes Werk vor.

Um es gleich hinter uns zu bringen, genau wie in Arne Jyschs Erstling geht es um die Bundeswehr in Afghanistan, damit haben sich aber auch fast alle Gemeinsamkeiten erledigt. Kriegszeiten: Eine grafische Reportage über Soldaten, Politiker und Opfer in Afghanistan, so der vollständige Titel, ist ein eigenständiges Werk, das nicht versucht sich anzubiedern und das es, so viel kann man schon vorabstellen, auch gar nicht nötig hat. In drei Kapiteln werden die Erlebnisse verschiedener Bundeswehrangehöriger geschildert, vermischt mit Verweisen auf Aussagen und Rollen verschiedener Politiker. Vorangestellt ist der persönliche Bezug des Autors, angefangen mit den Anschlägen aufs World Trade Center und der Frage, was der kommende Krieg für Deutschland bedeuten würde. Schon im Prolog zeichnet sich der unaufgeregte und sachliche Tonfall von David Schraven ab, während Vincent Burmeister die passenden Bilder liefert, irgendwo zwischen stiller Collage und bekannten Bildern aus den Abendnachrichten.

Beispielseite 01Kriegszeiten funktioniert als Reportage ausgesprochen gut. Erzählt wird dabei nicht die Geschichte eines Einzelnen oder eine konkreten Gruppe von Soldaten, sondern es schaut sich immer wieder exemplarische Beispiele für einzelne Ereignisse oder Eindrücke an. Der Kriegsverlauf selbst bildet dabei den roten Faden und führt lose von einer Szene zur nächsten. Einiges hängt sehr eng miteinander zusammen, anderes scheint fast willkürlich zu sein. So gestaltet sich die Frage, warum wir überhaupt in den Krieg gezogen sind, noch als vergleichsweise einfach. Auch die ersten Erlebnisse und Erfolge im Norden Afghanistans lassen sich noch gut schildern. Doch sobald der Krieg komplexer wird und die Soldaten wie Politiker langsam die wahre Komplexität der Lage erahnen (von Begreifen kann keine Rede sein), wird auch die Schilderung faseriger, was nicht negativ gemeint ist. Der Leser ist angehalten sich selbst ein Bild zu machen. Schraven und Burmeister geben zwar viele Informationen und Eindrücke weiter, doch bemühen sie sich, die Meinungsfindung dem Leser selbst zu überlassen.

Da die meisten Berichte von Soldaten stammen, lässt sich zwar eine gewisse Pro-Soldaten-Sicht nicht vermeiden, doch wird immer Abstand von einer Verherrlichung genommen. Ein gutes Beispiel bildet die fatale Bombardierung eines Tanklastzuges. Was hierzulande lange, zurecht, als Skandal durch die Medien ging, wird in Kriegszeiten mit der Facette des Soldatenalltags und den Vorgaben der Politik ergänzt, was die Tat zwar nicht geringer macht, aber Verstehen hilft, wie es zu so einer Entscheidung kommen konnte.

Panelbeispiel 01

Sprechblasen gibt es im ganzen Buch nicht, jede Szene lebt nur durch ihre Darstellung und Schravens zugehörigem Kommentar, dem man die jahrelange journalistische Erfahrung anmerkt. In wenigen Worten gelingt es ihm Sachlagen, Beobachtungen, Meinungen und hier und da einen gut gesetzten Kommentar unterzubringen. Vincent Burmeister schafft dazu Bilder, die den bekannten Fernsehbildern zwar frappant ähneln, dabei aber durch ihr geschicktes Timing helfen, die verfahrene Lage emotional zu vermitteln. Selbst Szenen die sonst aus eher seichten Unterhaltungsfilmen bekannt sind, werden hier wieder erfolgreich geerdet und besitzen meist einen angenehm bodenständigen Tonfall, ohne gleich in staubtrockenen Lehrbuchjargon zu fallen. Sein holzschnittartig anmutender Stil mag dabei nicht jedem zusagen, besitzt aber oft die wichtigen Details und kann insgesamt als kleiner Preis betrachtet werden, wenn man den endgültigen Eindruck seiner Bilder berücksichtigt.

Beispielseite 02An sich sticht Kriegszeiten schon mit seiner Sammlung an Zitaten bekannter deutscher Politiker, die dem ganzen Einsatz einen noch schaleren Beigeschmack verpassen, als durchdachte Beobachtung hervor. Doch die endgültige Konzeption aus Bericht, Zitaten, Bildern, deren Arrangement und Timing bilden eine gelungene Quintessenz dessen, was von deutschen Politikern noch immer am liebsten als „kriegsähnlicher Zustand“ verkauft wird. Allein die Komplexität des Dilemmas sorgt dafür, dass das Buch noch viel umfangreicher hätte sein können. Aber die Kernaussage steht guten Gewissens für sich alleine und der interessierte Leser wird sich an der Quellensammlung sicher ausreichend gütlich tun können.

Kriegszeiten ist kein gemütliches Buch. Es ist stellenweise trocken aber nie zäh. Es besitzt keine aufreizenden Schauwerte, aber kluge und gekonnt komprimierte Impressionen und hinterlässt nach dem Ende der Lektüre ein Gefühl nagender Unruhe. Kurzum eine anregende, ernsthafte und verlässliche Lektüre, die den Comicmarkt in diesem Bereich definitiv bereichert und im deutschsprachigen Raum damit eine Pflichtlektüre für jeden halbwegs am Thema Interessierten darstellt. Passend dazu wurde Kriegszeiten heute auf der Leipziger Buchmesse für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2013 nominiert.

 

  • Kriegszeiten: Eine grafische Reportage über Soldaten, Politiker und Opfer in Afghanistan
  • Autor: David Schraven
  • Illustrator: Vincent Burmeister
  • Carlsen Verlag
  • ISBN  978-3551786982
  • 128 Seiten
  • 16,90€ Bei Amazon bestellen

  • Text Copyright 2013 Alexander Lachwitz
  • Cover, Artwork Copyright Carlsen


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