TeMeL – Wohlstand

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Mit Wohlstand hat die unter dem Pseudonym TeMeL zeichnende Thekla Löhr ihre erste Graphic Novel veröffentlicht. Dabei handelt es sich nicht um einen Ableger ihrer unter TeMeL-Art veröffentlichten Webcomics, sondern um eine ganz eigene Geschichte, abseits von kurzweiligen Pointen und Alltagskommentaren. Stattdessen bekommen wir eine deftige Dystopie serviert.

Die Wirtschaft ist zusammengebrochen und die Wohlstands-Sicherungs-Behörde, kurz WSB, kontrolliert seitdem weite Teile der Gesellschaft. Ab sofort gibt es nur noch ein Maß. Der Wert der Menschen definiert sich über seine Leistung, die er für die Gesellschaft erbringt. Jeder Mensch trägt einen Chip, der sowohl seine Leistung in Punkten misst und darüber hinaus auch als Zahlungsmittel und Ausweis in Personalunion dient. Wessen Punktestand auf 0 sinkt, der muss sich selbst das Leben nehmen. Wer sich dem widersetzt, wird über eine in dem Chip implantierte Giftkapsel aus der Ferne entsorgt. Zum Wohle der Gesellschaft.

Ein wenig wie eine französische Widerstandskämpferin kommt einem Mirabelle Rapace, die tragische Hauptfigur der Geschichte, mit ihrer energischen und trotzköpfigen Erscheinung vor. Zusammen mit ihrem Freund, ihrem Kater und auch ihrem Vater lebt sie in diesem System, oder besser, versucht zu überleben. Das menschliche Mitgefühl scheint bei vielen schon abhanden gekommen zu sein. Von Mord auf Befehl spricht niemand mehr, fast alle akzeptieren das Ausscheiden der nicht mehr leistungsfähigen Gesellschaftsmitglieder.
Nach der Krebserkrankung von Mirabelles Mutter wurde diese zum Selbstmord gezwungen, ein Schicksalsschlag, von dem sich Mirabelle selbst nie erholt hat. Seitdem klappt es mit der Arbeit auch nicht so richtig und dementsprechend ist das Punktepolster vor dem Exitus auch nicht gerade berauschend. Eine typische Unterschichtbeziehung also, die da in dieser tristen Welt ihren Lauf nimmt. So trist diese Welt aber auch ist, für ihre Geschichte hat TeMeL sie in fast schon erschlagend kräftige und lebendige Farben getaucht, dazu aber später mehr.

panel_hintenInhaltlich geschieht auf den 56 Seiten eine ganze Menge, stellenweise so viel, dass man als Leser gar nicht mehr richtig hinterherkommt. Mirabelle geht durch viele harte Schicksalsschläge und muss das mangelnde Verständnis des Systems genau so schockiert hinnehmen wie der Leser den Ablauf der Ereignisse. Hier und da geht es etwas abrupt voran, so dass die erzählerische Fassade kleine Risse bekommt. Andererseits sind Dystopien seltenst dafür bekannt einer kritischen Betrachtung ihrer Handlung standzuhalten. Dazu sind sie zu sehr ein Kehrspiegel der Gesellschaft, eine Potenzierung des Hier und Jetzt oder gar ein wütendes Mahnmal.

Wohlstand strotzt nur so vor Anleihen an Klassikern wie Soylent Green, 1984 und Fahrenheit 451. Gleichzeitig streicht auch der Geist von 1933 durch das Werk, welches wohl nicht zufällig 2033 spielt. Anders als in seichter Unterhaltung mit Nazi-Anleihen fühlen sich die Verweise dabei gar nicht mal so sehr gekünstelt an. Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass es nochmals eine Partei oder ein Staatsorgan mit so starker Nazi-Ästhetik gibt wie in Wohlstand. Aber TeMeL verzichtet auf die Darstellung marschierender Massen oder verrückter Hetzredner, Bilder, die wir schon zu oft gesehen haben und die uns kaum noch wirklich berühren können. Durch diese Auslassung rückt sie das ganze Bild in greifbarere Nähe zu unserer heutigen Gesellschaft. Sie zeigt Szenen des Alltags, keine epischen Heldentaten, keine Revolutionen. Das macht die Geschichte ausgesprochen greifbar, ähnlich wie die Hände auf dem Umschlagbild, die sich selbst packen.

Ebenso verzichtet sie auf die Darstellung von technischem Firlefanz, der in schlechten Geschichten nur von einer schwachen Handlung ablenkt. Fernseher, Handys, Autos und alle anderen technischen Geräte sehen aus wie heute. Keine fliegenden Skateboards, keine Teleporter oder andere Spirenzchen. Damit wird eine wichtige Aussage getroffen. TeMeL weiß zwar nicht wie die Zukunft äußerlich aussehen wird, aber sie weiß wie sich die Menschen dort fühlen werden: Genau wie wir in unserer heutigen Welt, nur mit einem erschreckenderen Sozialsystem.
Es fällt damit sehr leicht, sich in die Handlung hineinzufühlen. Dieser kleine, aber clevere Kniff entschädigt für die eine oder andere erzählerische Holprigkeit, die man einem Erstlingswerk durchaus nachsehen sollte.

Panelbeispiel 01

Wer TeMeLs Arbeit schon länger folgt, wird sich wohl die Frage stellen, wie ihr kräftig kolorierter und flott gezeichneter Stil zu so einer düsteren und am Ende äußerst tragischen Geschichte passt. Antwort: Überraschend gut.
Schon beim Cover wird der Leser von leuchtenden Farben angesprungen und dies bleibt auch über den gesamten Band so. Selbst Nachtszenen oder beige Erinnerungen an die Kindheit bleiben kräftig und oft bis ins Detail ausgearbeitet. Darüber hinaus ist es verschmerzbar, dass vereinzelte Details nicht immer passen, denn das Gesamtbild ist ausgesprochen homogen. Dass man die Maserung des Papiers mit in den Druck übernommen hat, setzt dem ganzen ein letztes Sahnehäubchen auf.
Natürlich ist der Stil nicht so sauber wie bei den computerkolorierten oder nur in schwarz-weiß gehaltenen Werken, aber wer sich daran nicht reibt, findet in Wohlstand ein sehr einprägsames Buch. Nicht jede traurige Geschichte muss also auch in traurigen Farben gezeigt werden.
Genaugenommen funktionieren die Bilder als Gegendarstellung zu der Tristesse der Umwelt ihrer Figuren. Während das sie umgebende System ein widerstandsloses Arbeiten, gleich dem Hamster im Laufrad, fordert und den Wert des Lebens nur noch an nackten Zahlen ausmacht, gewinnen die Figuren das zurück, was sie in einer normalen Welt ausmachen sollte: Leben!

Und um dieses Leben will Mirabelle trotz aller Schicksalsschläge kämpfen, auch wenn sich ihr immer stärker eine Frage aufdrängt: Welchen Wert hat das Leben, wenn am Ende alles nur noch auf eine Zahl reduziert wird?

Als Dystopie ist Wohlstand solide und hervorragend auf die heutige deutsche Gesellschaft pointiert. Die Geschichte lebt nicht nur von Verweisen auf Klassiker, sondern von diversen Vermerken und Warnungen, dass wir gar nicht so weit von solch einer Welt entfernt sind. Die bei Dystopien häufige Problematik, dass solch eine Gesellschaft eigentlich nur eine kurze Haltbarkeit hat, ehe sie zusammenbricht, stellt sich hier auch, zusammen mit einigen Momenten, in denen man sich fragt, wie glaubwürdig die Figuren noch sind. Letzteres ist allerdings der Kürze des Buchs und dem Umfang der Handlung geschuldet und wird durch einige äußerst starke Szenen ausgeglichen, die man auch nach dem Ende der Lektüre nicht so leicht aus dem Kopf kriegt.
Durch das Nachwort wird der Eindruck eines von sehr viel Wut und Angst geprägten Werks bestätigt. Dass dieses Gefühl so ungefiltert auf das Papier übertragen wurde und nicht durch Handlungskonstrukte eingeschränkt wird, ist eine der größten Stärken des Buchs. Damit mag zwar nicht jeder etwas anfangen können, doch bleibt sich Wohlstand damit im Kern seiner Botschaft ungemein treu.

Grafisch ist das Buch, wie schon erwähnt, faszinierend kräftig und vital. Der Panelaufbau ist clever und durchaus gewitzt, die inhaltliche Gestaltung selbiger zeugt von viel handwerklichem Talent, einem guten Feingefühl, einem dynamischen Auge und sehr viel Fleiß. Besonders die Ausdrucksstärke ihrer Gesichter macht vieles von der Handlung auch mit wenigen Worten sehr gut greifbar. Auch gelingt es TeMeL einige Bilder zu erschaffen, die durchaus Erinnerungswert haben und selbst bei wiederholtem Lesen wenig von ihrer einprägsamen Wucht verlieren. Wohlstand gehört damit zu den wenigen Büchern, die beim Lesen zwar durchaus Schauer auslösen, deren einzelne Bilder man aber als Großdruck an die Wand hängen will. Sei es nur um sie ästhetisch zu genießen, oder als stilles aber energisches Mahnmal.

  • Text Copyright 2013 Alexander Lachwitz
  • Cover, Artwork Copyright Epsilon-Verlag


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