CSE14 4/4 Schon vorbei?

DSC_0036Man soll aufhören wenn es am schönsten ist. Getreu diesem Motto schloß der 16. Internationale Comic-Salon Erlangen am 22.06. seine Pforten. Doch bevor man in einen After-Event-Blues verfällt, schaut man besser noch einmal zurück und erfreut sich an dem, was man hatte.

Vorneweg: Trotz vereinzelter kleiner Mängel und manchmal berechtigter Mäkeleien; der 16. Comic-Salon war seit langem der beste und hat die Vorreiterstellung dieses Events in Deutschland erneut erfolgreich untermauert. Dies lässt sich auch in der breiten Berichterstattung beobachten (allen voran der Tagesspiegel, der gefühlt über jede Ausstellung und Diskussion berichtet hat).

Charakteristisch für den Comic-Salon ist die unkomplizierte Verbindung von groß und klein. Die Distanz zwischen den erfolgreichsten Künstlern der Szene und den vielversprechenden Nachwuchstalenten schrumpft nicht nur räumlich sehr stark zusammen. Als Besucher kann man nicht nur die neuesten Comics der Zeichner bewundern und kaufen, sondern kriegt oft auch schon eine Ahnung davon, was als nächstes kommen könnte.
Typisch für Erlangen bleibt auch, dass man selbst nach Feierabend in der nicht unbedingt so kleinen Erlangener Altstadt doch immer wieder vertraute Comiczeichner-Gesichter trifft. Erinnerungen an übergroße WG-Verhältnisse in denen man ständig dieselben Leute wiedertrifft, werden wach.

DSC_0320Besonders für Freunde der Indie-Kunst war der diesjährige Salon eine Reise wert. Wo vor zwei Jahren durch den groß angekündigten Relaunch aller DC-Superheldenreihen ein enormer Andrang herrschte, konnte man dieses Jahr die Messe viel stressfreier genießen. Ein Mangel an Besuchern war aber keineswegs zu erkennen. Die Aufmerksamkeit kam nicht nur den großen zu Gute, sondern auch den kleinen. Nach Dani Books gibt es nun mit Buddelfisch einen weiteren Kleinverlag. Anders als der erstgenannte, konzentriert sich der von Sebastian Kempke geleitete Buddelfisch-Verlag im Moment noch auf norddeutsche Künstler und interessante Webcomics. Für die Zukunft sind aber auch US-Titel geplant. Insgesamt soll eine „angenehme Mischung“ das Verlagsportfolio bilden.

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Sebastian Kempke, Eve Jay und Lukas Wilde, die Köpfe hinter der Initiative Comic-Solidarity.
Foto: Comic-Solidarity

Am interessantesten war aber die neu entstandene Initiative Comic Solidarity. Organisiert von Eve Jay, Lukas Wilde und Sebastian Kempke hat sich hier eine Plattform gebildet, die nicht weniger möchte als allen Indie- und Webcomiczeichnern eine gemeinsame Basis zu bieten. In Erlangen gab es passend dazu einen größeren Bereich in Halle C, auf dem diverse Zeichner sich präsentierten, oft zusätzlich zu ihren eigenen Ständen. Ein Fauxpas bestand in der Gestaltung des Messe-Bereichs, der durch eine Trennwand anfangs die Besucher mehr abschreckte denn anlockte. Bedingt durch den Aufbau der Halle erschien eine Balustrade erst als gute Idee. Inzwischen gibt es aber schon Diskussionen, wie man so einen Fehler in Zukunft vermeiden kann. Die Ursprünge der Initiative liegen irgendwo im Nach-Messe-Trubel des Münchner Comic-Fests und sind wohl eine logische Reaktion auf die mangelnde Unterstützung für Independent-Zeichner, die in München zutage trat. Ziel und Zweck gerade in Messehinsicht ist es, die Absprache zwischen Künstlern und Veranstaltern zu verbessern. In Erlangen konnte man erste Früchte davon sehen und im Gespräch machten die drei Köpfe hinter der Initiative einen sehr aufgeschlossenen Eindruck. Dass damit auch größere Hürden in der Zukunft genommen werden können, scheint sehr optimistisch, da auch der Anklang in der Webcomic-Community bisher sehr positiv ausfiel.

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Vanessa Drossel und Dirk M. Jürgens vom Buddelfisch-Verlag kommentieren Hella von Sinnens Kommentare zu Mangas auf ihre Weise…

Eine weitere gute Nachricht kommt aus der Manga-Ecke, bzw. dem Weg aus der Manga-Ecke raus. Für den diesjährigen Max&Moritz-Preis wurde die Kategorie Manga schlichtweg gestrichen, sodass Mangas bzw. Werke mit Manga-Einfluss in jeder Kategorie partizipieren konnten. Passend dazu hat Billy Bat von Naoki Urasawa und Takashi Nagasaki den Preis als besten internationalen Comic abgestaubt. Warum derweil Hella von Sinnen als Moderatorin wiederholt ihre Ignoranz gegenüber dem Manga-Bereich äußern muss, bleibt ein Rätsel. Aber mit Abgrenzungen zu einzelnen Comic-Aspekten steht sie nicht alleine da.

Auch das Comicfestival München war in Erlangen vertreten. Nach den Disputen zwischen der Festivalleitung des CFM und einigen ausstellenden Indie-Künstlern und Verlagen gab es zwischendurch das Angebot einer Diskussionsrunde in Erlangen, um die Weichen für das CFM 2015 besser zu stellen. Davon war inzwischen keine Rede mehr, allerdings hat man auch schon im Vorfeld oft genug den Eindruck bekommen, der Indiependentbereich sei für die Organisatoren nicht relevant. Aber es gibt auch gute Neuigkeiten. Das nächste Münchner Comicfestival findet in richtigen Messehallen statt, ob es dort effektiv mehr Ausstellungsfläche geben wird als letztes Jahr in den zwei Veranstaltungsorten bleibt noch abzuwarten. Aber da Heiner Lünstedt sich vor einiger Zeit hinter vorgehaltener Hand sehr eindeitig über die Independentkünstler als Querulanten, die eh keiner sehen will geäußert hat, wird es aus dieser Richtung sowieso weniger Aussteller geben. Eine Teilnahme ist bei mehreren von ihnen offensichtlich mehr als fraglich und man wird sich statt dessen eher nach interessanteren Alternativen umsehen. Damit wird München wohl langsam aber sicher eher zum Sammler- und Großverlagsfestival.

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Diskutierten über Webcomics, Verbreitungs- und Vermarktungsmöglichkeiten: David Boller, Sarah Burrini, Jeff Chi und Daniel Lieske

Zurück zu Erlangen. Das Angebot an Diskussionsrunden war erneut üppig, auch wenn Themen zu digitalen bzw. neuen Vertriebsmöglichkeiten von Verlagen nicht unbedingt neu sind. Auch die personell sehr gut besetzte Diskussion zu Webcomics unter der Leitung von Daniel Wüllner litt ein wenig unter Themen, die so schon früher besprochen bzw. beschrieben wurden. Auf der anderen Seite wurden so auch Themenneulinge nicht außen vor gelassen und man beobachtet die Entwicklung immer noch mit wachem Auge.

Ausstellungsmäßig stand dieses Jahr der 1. Weltkrieg im Fokus. Abgesehen von diesem Überthema gab es mit Ausstellungen zu den Mumins, Pogo, jungen Comics aus Finnland und mehr aber auch genug Diversität im Programm. Leider reichte, wie schon letztes Mal, die Zeit nicht um die Ausstellungen genauer zu betrachten. Daher hier erneut ein Verweis auf die gute Berichterstattung andernorts. Immerhin hat es bei mir für ein paar wenige Fotos gereicht.

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Vor kreativen Geschäftsideen hatte man keine Angst.

Wie jedes Jahr sind vier Tage einfach zu wenig um das gesamte Programm mitzunehmen. Aber das ist auch gar nicht das Ziel. Stattdessen werden wie gehabt so ziemlich alle Geschmäcker angesprochen. Auch der Cosplay-Wettbewerb am Samstag sorgte für sehr starken Zulauf und diverse bewundernswerte Kostüme. Fraglich ist allerdings, wie es zeitweilig zu einem Mangel an Teilnehmern gekommen ist. Hier gab es offensichtlich noch Mängel in der Kommunikation, denn schon an den vorherigen Tagen konnte man kostümierte Besucher sehen, die aber von dem Wettbewerb nichts wußten. Im Bestfall ist diese Information unter dem Umfang des Messeprogramms untergegangen. Ob der Comic-Salon auf dem Manga-Auge eine leichte Sehstörung hat, wie mancherorts behauptet wird, ist schwer zu beurteilen. Mit der Aufhebung der Manga-Kategorie, dem Vortrag von Michael Decomain, Cosplay-Workshops und dem Cosplay-Wettbewerb gibt es auf jeden Fall Aspekte die klar in die richtige Richtung zeigen. Ewiggestrige wie Hella von Sinnen sind symptomatisch aber hoffentlich nur ein zeitweiliges Merkmal.
Weiter unten findet sich im übrigen eine Galerie mit Eindrücken von den diversen Cosplayern.

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Jacques Tardi, der Gaststar diesen Jahres signierte zwischendurch auch immer wieder seine Comics.

Nicht ganz von gestern bölkte im übrigen dieses Jahr wieder der röhrende Hirsch vor sich hin. Hinter verklebten Stellwänden aus den Urzeiten des Gründersalons hat der Hirsch vor zwei Jahren nur eine Auszeit genommen und fungiert nun erneut als Messe-Pamphlet mit den wichtigsten Tagesnachrichten überhaupt. Während der Hirsch selbst sehr zurückgezogen lebt und man nur sein Geschreibsel sporadisch zu Gesicht bekam, blieb „die Stimme“ omnipräsent wie immer. Erneut machte die sagenumwobene Lautsprecheransagerin die regelmäßigen Ansagen zu einer kleinen Variete-Schau sondergleichen. Warum holt man diese Dame nächstes mal nicht auf die Bühne um den Max&Moritz-Preis zu Co-Moderieren? Das wäre eine Besetzung, die nicht von Sinnen wäre.

Und damit sind wir auch schon am Ende. Zum Schluß nochmal eine Auswahl an weiterer Berichterstattung vom Comic-Salon und natürlich die Quick-Links zu den täglichen Blog-Einträgen.

Links der Woche – Comicgate legt mal wieder die Messlatte hoch und hat fast alles zusammengetragen was es so an Berichten, Comics, Aufnahmen etc. vom Salon im Netz gibt.

Tagesspiegel – Unter den klassischen Zeitungen mausert sich der Tagesspiegel zum Frontkämpfer für die Comic-Kultur. Hut ab! Hier gibts so ziemlich die besten Artikel zu den diversen Veranstaltungen und Themen des Comic-Salons.

Comic-Cookies – Mit zwei Stunden haben die Macher dieses Podcasts einen ziemlich mächtigen Rundumschlag über den Salon gewagt. Definitiv ein Hör-Tipp, da es sehr viele verschiedene Subjektive Besucher- und Ausstellermeinungen gibt. Das gibt dem ganzen nochmal eine persönliche Note die sonst leider oft untergeht.

Comic-Report – Auch Edition Alfons hat berichtet. Immerhin hatten sie ja mit der Ausstellung 30 Jahre Reddition selbst noch einen kleinen Beitrag zum Salon beigesteuert.

Splashcomics – Wie gewohnt waren die Jungs von Splashcomics wie fleißige Bienchen unterwegs und haben so ziemlich jedes Event vom Comic-Salon in Ton und Bild festgehalten.

Ein ganz kleiner Ausschnitt aus der großen Menge an Cosplayern

Und noch weitere Impressionen…

Blogbeiträge:


3 Comments

  1. Andi Juli 4, 2014 3:07 pm  Antworten

    Ein schöner Rückblick! Nur bezüglich Hella von Sinnen stimmt dein Bericht nicht ganz: Sie hat zwar auf nicht sehr diplomatische Art ihr Missfallen gegenüber Martina Peters Boys-Love-Manga „Ten“ geäußert, aber z.B. „Buddha“ von Tezuka hat sie ausdrücklich gelobt. Sie scheint kein Problem mit Manga an sich zu haben, sondern mit den Mädels-Stoffen.

    • Alex Juli 4, 2014 3:28 pm  Antworten

      Ich hab mir ihren Auftritt angesehen.
      Das Problem an der Sache liegt an mehreren Punkten. Zum ersten ist sie leider Widerholungstäterin. Zum zweiten wurde dieses Jahr symbolträchtig die Manga-Grenze bei den Preisen aufgehoben, es wäre daher angemessen, wenn die Laudatoren dies auch berücksichtigen und im Zweifel ihre eigene Meinung zurückstellen.
      Zum dritten, das ist jetzt subjektiv, hat der Stil in dem sie sich für ihr Missfallen entschuldigte, einen arg gekünstelten Eindruck gemacht, ganz so als sähe sie nicht wirklich ein warum sie mit ihrer Abneigung hinter dem Berg halten muss. Das ist als persönliche Meinung, oder auch als subjektive Kritikerin völlig ok, aber nicht wenn sie den höchstdotierten Preis in DE verteilt.
      Man achte auch mal auf die Reaktionen auch bei den Nicht-Manga-Zeichnern, selbst die gemäßigten Leute fühlten sich da erneut vor den Kopf gestoßen.

      Es wirkt halt, zumindest für mich so, als wenn Hella von Sinnen da wegen ihrer Popularität etwas überhöt wird und man sich sagt „naja, die kennt man immerhin auch außerhalb dieser Comic-Ecke“.

      Sie ist da nun nicht der Teufel in Personalunion, keineswegs. Bei Nicht-Mangas ist sie ja offenbar auch eine alles andere als unbegabte Kritikerin und Kommentatorin.
      Aber es sind halt Bemerkungen und Worte die nicht wirklich sein müssen und die Entwicklung hin zu einer grabenfreieren Comic-Welt nur verzögern.

  2. Andi Juli 5, 2014 1:13 pm  Antworten

    Ich gebe dir in der Sache ja Recht: Während einer Preisverleihung sollte man sich anders verhalten, vor allem als Moderatorin.

    Aber mein Punkt war und ist: Es ist falsch, dass Hella Manga an sich disst, wie es leider viele Berichte – auch deiner – falsch wiedergeben oder zumindest andeuten. Sie hat dieses Jahr Tezukas „Buddha“ genauso gelobt wie bei einer früheren M&M-Verleihung sein „Kirihito“. Ihr an den Tag gelegtes Missfallen bezieht sich nur auf bestimme Sparten von Manga, die sich an Mädels und jüngere Frauen richten und mit denen sie offenbar überhaupt nicht warm wird. Das soll ihr Verhalten nicht entschuldigen, darf aber in der Berichterstattung nicht unterschlagen werden.

    Wenn jemand sagt, er könne Superhelden-Comics nicht ausstehen, darf man ihm danach auch nicht in den Mund legen, er würde alle Arten von Comics ablehnen.

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