Plume – Im Westen was Neues

Plume_CoverMit Plume legt Dani Books die ersten Kapitel des gleichnamigen Webcomics der Amerikanerin K. Lynn Smith vor. Was äußerlich als klassischer Rache-Western daherkommt, entpuppt sich als Genremischung mit spürbarer Experimentierfreude.

Was macht ein Setting aus? Es bietet dem Leser eine Grundlage, einen Kanon, auf dessen Basis eine Geschichte erzählt wird, ohne dass sich jede Geschichte gleicht. Spiel mir das Lied vom Tod und Django (das Original von Franco Nero) sind zwei gänzlich verschiedene Filme, aber dennoch beides Italo-Western.

Plume hat ein Western-Setting… zum Teil. Genau betrachtet reduziert sich der Western auf einige vordergründige Details und den losen Rahmen, doch schon dieser ist mit zahllosen Flicken aus der Fantasy und dem Slapstick-, Romance- und Coming-Of-Age-Milieu gestopft. Was Puristen oft Hosenflattern verursacht, ist dabei das Beste, was dem Comic passieren kann.

Alles beginnt mit den Überresten einer mittelgroßen Schießerei. Vesper Grey und ihr Schutzpatron Corrick ziehen die Bilanz, dass Töten zwar nicht schön, aber sehr therapeutisch sein kann. Es folgt wenig überraschend die zugehörige Vorgeschichte. Aufgewachsen als gelangweilte Landschönheit erhält die Tochter eines vielreisenden Archäologen bei einem lapidaren aber fast tödlichem Unfall einen Schutzgeist. Der vielfältig übernatürlich begabte Corrick kommt in bester „Schmachte-mich-an-du-Naive“-Manier daher und schubst das ganze  nah an bekannte Schnulzenkost. Mit einer ordentlichen Portion Slapstick und einem guten Gespür für Timing werden aber die gefährlichsten Klippen umschifft.

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Slapstick, Timing…

Zurück zur Handlung. Vesper wird von ihrem Vater aus der Abgeschiedenheit des Landlebens gerissen und darf sie fortan auf seinen Expeditionen begleiten. Soweit der Plan; denn neben diversen gefährlichen Artefakten hat der gute Herr sich natürlich auch eine Schar von Feinden zugelegt. Langer Rede, kurzer Sinn: Der Mann macht es nicht mehr lange und Vesper hat ein einfaches, aber sinniges Rachemotiv. Fortan ist Corrick in seiner Beschützerrolle noch mehr gefordert, da Vespers Rachelust zusammen mit ihrer Dickköpfigkeit und Naivität eine…. todsichere Kombination darstellt.

Dass aus dem Konzept naive Draufgängerin und besonnener Beschützer noch nicht so viel herauszuholen ist, war Lynn wohl bewußt und so wird noch die resolute Bordellbesitzerin Tegan hinzugefügt. Zusammen reiten die drei in den Sonnenuntergang und lassen dabei eine Spur mal mehr mal weniger guter Gags und einiger Leichen hinter sich.

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… und Atmosphäre stimmen fast immer.

Zeichnerisch ordnet sich Plume nirgends recht ein. Smith hat sich einen Stil angeeignet, der sowohl frankobelgische, amerikanische und asiatische Einflüsse vermengt. Dies trifft sicherlich nicht jedermanns Geschmack und ist dem einen oder anderen vielleicht auch zu generisch, besitzt aber bei genauem Blick einen sehr guten Widererkennungswert. Etwas hapern tut es noch bei der Dynamik. Ihr klarer und oft auf unnötige Details verzichtende Stil sorgt dafür, dass einige schnelle Szenen doch mehr wie Standbilder wirken. Dies ist zwar ein Problem, das man oft bei Neulingen beobachten kann, aber man darf wohl hoffen, dass die Action im Folgeband, der für diesen Herbst angekündigt ist, schon deutlich flotter umgesetzt wird.

 

Die digitale Coloration ist oft zweckdienlich und lässt die Zeichnungen selbst im Vordergrund stehen. Vereinzelt gibt es aber immer wieder Highlights die aus der Masse hervorstechen und den Leser für eine Weile fesseln können. Man sollte fairerweise berücksichtigen, dass Smith eben noch am Anfang ihrer Karriere steht. Wie sich ihr Stil und die Qualität ihrer Arbeit entwickeln wird zweifellos interessant zu beobachten sein, nachdem sie zumindest beim Stil schon eine klare und interessante Linie für sich gefunden hat.

Das beste Händchen besitzt die Autorin aber zweifellos beim Slapstick und Timing, so dass es ihr möglich ist, selbst widersprüchliche Zutaten zusammenzuwerfen und daraus eine funktionierende Szene zu gestalten. Darin spürt man sehr viel Spontanität und Lust am Medium Webcomic. Wäre die Geschichte von vornherein auf eine Printveröffentlichung hin getrimmt worden, wäre sicher viel mehr Arbeit in die Planung und Kontinuität der Handlung geflossen. Statt dessen gleitet die Geschichte angenehm zwanglos von Szene zu Szene und nimmt sich einfach immer wieder die Zeit für einen weiteren Gag oder eine Randnotiz, die dem Hintergrund der Figuren etwas mehr Fleisch hinzufügt. Dies widerspricht zwar jedem Grundsatz für strukturiertes Erzählen, zeigt aber, wie behände Smith beim lockeren und improvisierten Erzählen ist.

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Nur an der Dynamik klebt noch etwas zu viel Standbildcharakter.

Plume ist gute Unterhaltung für einen langen Abend im Liegestuhl, am besten vor einem kitschbunten Sonnenuntergang. Als Webcomic hat Plume den Sprung ins Buchregal exzellent gemeistert und bleibt dabei angenehm trivial und kurzweilig. Für zu ernste Untertöne ist die Themenkombination aus Rache, Mord, Slapstick und Romance-Anleihen so oder so zu bunt.

Wer akzeptieren kann, dass es sich um einen engagierten Erstlingsversuch handelt, sollte definitiv einen Blick riskieren. Es gibt noch Ecken und Kanten, aber ist es nicht interessant zu beobachten, wie sich diese im Lauf der kommenden Jahre entwickeln und abschleifen?

PS: Dani Books geht einen vorbildlichen Weg beim Thema digitale Comics. Wer den Comic als Printausgabe kauft, kann mittels PC oder Handy den Kassenbeleg sowie einen im Buch abgedruckten QR-Code scannen und erhält darüber kostenlos eine PDF-Version des Buchs.
Der Weg ist damit noch nicht ganz rund, aber schon ein sehr guter Ansatz, erst recht für einen Kleinverlag mit beschränkten Mitteln.

 

  • Text Copyright 2014 Alexander Lachwitz
  • Cover, Artwork Copyright Dani Books


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