Die Toten – Band 4

DT4COVER_PRINT_DrogoZum vierten Mal schon lässt der Zwerchfell-Verlag die Toten auf Deutschland los. Aufgrund aktueller Erfolge wie The Walking Dead oder romantischer Zombie-Komödien nur ein gutes Marketing-Kalkül könnte man meinen. Doch mit vorliegenden Band zeigen sich die Toten frischer denn je und beweisen, dass sie sich nicht vor ihren diversen Vorbildern verstecken müssen.

Mit Band vier beginnt der zweite Zyklus der Reihe, der schon wie der erste, drei Bände mit jeweils drei Geschichten umfassen soll. Wie gehabt wird jede Geschichte von einem anderen Zeichner-Autoren-Duo gestaltet, eine verbindende Rahmenhandlung gibt es abseits der Ausgangslage weiterhin nicht. Äußerlich unterscheidet sich der neue Zyklus nur durch den Wechsel des Coverhintergrunds von weiß zu rot. Das Cover stammt dieses mal von Christian Nauck und bleibt der Tradition der Reihe treu, Figuren aus dem typisch deutschen Alltagsleben darzustellen; in diesem Fall einen typischen Kreuzberger Hipster.

Die drei Geschichten spielen wieder an unterschiedlichen Orten und sind für sich jeweils abgeschlossen. Mit der Rückkehr von Christopher Tauber und Ingo Römling stellt sich eine kleine Nuance an Kontinuität ein, da beide schon in den ersten beiden Bänden jeweils eine Geschichte beisteuerten. Erneut beweisen die Geschichten große Diversität, selbst wenn die ersten beiden auf den ersten Blick in ihren Konzepten vertraut vorkommen. Laska und Henning Mühlinghaus lassen den Leser eine Gruppe Überlebender auf dem Weg in eine vermeintlich sichere Zone begleiten. Das bekannte „10-kleine-Negerlein“-Prinzip bildet hier nur den Rahmen für eine ruhige und sehr warmherzige Familiengeschichte. Laska zeichnet die Figuren mit einer beunruhigenden Sicherheit wechselnd zwischen überzeichnet comicesk sowie rau und abgekämpft. Als Sahnehaube gibt es einen brauchbaren Plottwist, der aber durch den klugen Panelaufbau auch eingefleischte Genrekenner noch überraschen kann.

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Zu Christopher Tauber und Ingo Römling muss man inzwischen kaum noch etwas sagen, es reicht ein Verweis auf ihre früheren gemeinsamen Arbeiten in den Toten-Büchern, sowie ihrem frischen Webcomic Survivor-Girl. Aber zur Vollständigkeit: Ingo zeichnet in einer verspielten Mischung aus Rückblenden, Tagträumerei und Gegenwart die Geschichte einer einzelnen überlebenden Schülerin und dank Christophers Schreibe haben wir hier wieder ein sehr schönes Beispiel dafür, warum nicht immer die wandelnden Toten die wirklichen Monster sind. Die in Hanau angesiedelte Geschichte ist technisch so versiert, wie man es von den beiden erwarten darf und lebt von dem sichtbaren Spaß, den wohl gerade Ingo beim Zeichnen einer makabren, aber sehr gut greifbaren Geschichte hatte.

Wendet man sich der letzten Geschichte zu, wird man schnell irritiert sein. Weder der Zeichenstil noch der Inhalt scheinen zu den ersten beiden Geschichten auch nur annähernd zu passen. Als wäre dies nicht genug, wagt sich die Geschichte auch noch an das brisante Thema Islam und Fanatismus. Wieder einmal dürfen die Zombies als Metapher dafür herhalten, dass uns alle im Grunde doch ähnliche Ideale antreiben. Dass man dabei, aus welchem falschen Einfluss heraus auch immer, auch auf eine mehr als fragwürdige Bahn geraten kann, ist offensichtlich und die Geschichte würde ebenso mit christlichen Fanatisten oder überzeugten Homophoben funktionieren. Doch Matthias Dinter und Herr M wagen sich weiter vor und füllen den Road-Trip ihrer kleinen Dschihadisten-Gruppe mit einer Verbeugung vor der Religion an sich, die jede Skepsis verblassen lässt. So wie es eine Tatsache ist, dass der durchschnittliche Katholik seine Religion längst nicht so inbrünstig lebt wie der durchschnittliche Islamist, ist es genauso wahr, dass religiöse Spinner und Fanatiker immer und auf allen Seiten existieren, sodass das Problem nicht in der Religion, sondern in einigen Menschen liegt, aber auf keinen Fall bei den Zombies. Grafisch präsentiert Herr M eine kontrastreiche Welt vor warmen Hintergründen, die die Figuren oft alleine lässt vor einer Welt, die nicht mehr so ist wie sie es kennen und in der sie versuchen mit gewohnten Riten und Verhaltensmustern ihren Platz zu finden.

DieToten4_33Gerade der inhaltliche Bruch ist es, der die Reihe seit jeher auszeichnet. Die hochwertige Aufmachung der Reihe trägt die Abwechslung zwischen den Stilrichtungen der Geschichten durchaus und während man im ersten Zyklus noch sehr schnell seine Favoritengeschichten bestimmen kann, fällt dies im ersten Band des zweiten Zyklus‘ merklich schwerer. Jede Geschichte besitzt sowohl zeichnerisch als auch erzählerisch ausgesprochen starke Aspekte. Wenn man nun Ingo Römling unterstellt, zeichnerisch ’nur‘ die schon bekannte Qualität aus den Vorgängern abzuliefern, so ist dies zum einen Meckern auf sehr hohem Niveau und zum anderen auch nicht ganz gerechtfertigt, da er als einziger Zeichner bisher wiederholte Auftritte hatte und dieses mal besonders durch den Spaß am Makabren glänzt.

Mit dem Auftakt zum zweiten Zyklus können sich selbst Skeptiker kaum noch rechtfertigen den Büchern keine Chance zu geben. Die Toten haben die Versuchsfelder verlassen und sind nun bereit ihre Vielfalt in neuer Frische auszuleben.

  • Text Copyright 2013 Alexander Lachwitz
  • Cover, Artwork Copyright Zwerchfell Verlag


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