God Bless America

God Bless AmericaWas soll man von einem Film halten, in dessen Eröffnungsszene ein Baby erschossen wird, dessen Charaktere kaum eine messbare Entwicklung durchlaufen und dessen Dialoge stellenweise trocken wie Lehrbücher daherkommen? Man kann sich an diesen offensichtlichen Provokationen und handwerklichen Mängeln reiben oder sich diesem clever inszenierten Werk hingeben.

Ohne hier etwas verharmlosen zu wollen, dieser Film des früheren Police Academy-Veteranen Bobcat Goldthwait (World’s Greatest Dad) kommt ausgesprochen kontrovers daher und bemüht sich wenig um moralische Konventionen. Hier wird mit grobem Schrot der Sumpf und die Verrohung unserer Gesellschaft bekämpft, eben wie Feuer mit Feuer. Und doch schlummert unter der zuerst so gewalthaltigen Groteske so mancher kluger Gedanke und längst nicht auf jede Frage wird dem Zuschauer eine mundgerechte Antwort dahergebracht.

Frank, ein durchschnittlich übergewichtiger Mitvierziger führt ein typisch-dahinvegetierendes Klischeeleben. Die Frau hat ihn verlassen, die Tochter findet ihn langweilig und den Job hat er gerade auch verloren. Jeden Abend lässt er sich, gelangweilt und genervt von seiner Umgebung, vom Reality-TV berieseln. Als dann noch eine Krebserkrankung dazukommt und der Film das erste Mal die Klischeegrenze zu sprengen droht, steht Frank kurz vor seinem Selbstmord. Glücklicherweise, für den Zuschauer und Frank, entdeckt er ein viel besseres Ziel für die Kugel – im Fernsehen.
Kurzerhand wird der Chevrolet Camaro (nur eines von vielen sehr gekonnt gesetzten Details, steht dieser Wagen in seiner aktuellen Plastikkanten-Optik doch wie kaum ein anderer für den Bling-Bling-Style-Wahn unserer Konsumwelt, nur vom iPhone übertroffen) des Nachbarn gestohlen und die quengelige Göre einer Reality-Show muss wenig später sehr hysterisch die Konsequenzen für ihre vor den Kameras ausgelebte Luxus-Verzogenheit bezahlen.

Bitte im Kino leise sein

Allerdings wurde Frank dabei von der Schülerin Roxy beobachtet, die mit dem Opfer zusammen die Schulbank drücken musste, und von Franks Tat, gelinde gesagt, schwer begeistert ist. Nach kurzer Überzeugungsarbeit hat sie es geschafft, dass Frank sich nach seinem ersten Mord nicht doch noch umbringt, sondern dass sie zusammen losziehen und die Welt, oder zumindest Amerika, von den schlimmsten Menschen zu befreien. Angefangen von Kinobesuchern, die ihr Handy nicht ausschalten, über rechtsgerichtete gehässige Hetzredner im TV bzw. entsprechende Prediger im Park, bis hin zu notorischen Parkplatzblockierern. Es wird nicht lange gefackelt, sondern kurzer Prozess gemacht. Dabei verliert man schnell die Übersicht, ob der ehemalige Armeeangehörige Frank oder die minderjährige Roxy mehr Leichen auf dem Kerbholz haben.

Warum soll man ein solches primitives Massaker, ohne großartige Charakterentwicklung nun gutheißen? Parallelen zu Klassikern wie Natural Born Killers und Léon – Der Profi sind zwar vorhanden, täuschen aber nun mal nicht darüber hinweg, dass sich hier nur die Geschichte, die Botschaft des Films entwickelt, seine Charaktere aber, anders als in den erwähnten Vorlagen, kaum. Dass unser Fernsehniveau einen rekordverdächtigen Tiefpunkt erreicht hat, ist ja nun nicht gerade eine bemerkenswerte Erkenntnis. Sollte man dann nicht viel eher zeigen, wie sich das Niveau verbessern lässt?
Gewiss wäre eine funktionierende Anleitung zur Verbesserung wünschenswert. Die hat der Drehbuchautor und Regisseur aber nicht gehabt. Statt dessen hat er aber einige sehr gute Gedanken gehabt, warum das derzeitige Trash- und Reality-TV so ungemein gut funktioniert. Und genau diese Gedanken hat er seiner Hauptfigur in den Mund gelegt. Schon zu Anfang des Films erhalten wir davon erste Kostproben, die allerdings noch recht trocken und dozierend daherkommen.

Mit 18 schon ein fantastisches Talent: Tara Lynne Barr

Mit dem Auftreten der quirlig-begeisterten Roxy bekommt Frank aber genau den Gegenpol, den er braucht. Sie hat meist die richtigen Konter um Frank aus der Reserve zu locken. Diese Dialoge bilden die eigentlichen Höhepunkte des Films und es ist eine ungemein begeisternde Erfahrung, eine so talentierte und gewiefte Jungschauspielerin wie Tara Lynne Bar in ihrer Rolle als Roxy zu beobachten. Hier vermengt sich das Talent einer Emma Watson mit der Berechnung einer jungen Natalie Portman, gekrönt von einer unheimlich vitalen Präsenz. Joel Murray spielt seinen Frank zwar ausgesprochen fein nuanciert, hat aber allein durch das Drehbuch nicht die Möglichkeit wirklich viel Boden gut zu machen. Zusammen gelingt es dem Paar aber, die fehlende Charakterentwicklung und andere kleinere Drehbuchschwächen mit ihrem Spiel zu übertünchen. Vor allem aber tragen sie die Mischung aus Wut, Zorn und Verbitterung ihrer Figuren gegenüber der Gesellschaft in der sie leben, plastisch und glaubwürdig zur Schau.

Wieso ist unsere Gesellschaft soweit verkommen, dass Grundlagen der Höflichkeit und des gegenseitigen Respekts kaum noch zählen? Warum ist Gehässigkeit und lautstarke Hetze massentauglich geworden? Warum amüsieren sich Hunderttausende regelmäßig, wenn talentfreie, oder womöglich gar geistig oder körperlich eingeschränkte Personen sich immer wieder vor laufenden Kameras vorführen bzw. vorführen lassen? Zu recht fragt Frank, wo das „zivilisiert“ in dem Begriff „zivilisierte Gesellschaft“ geblieben ist. In so einer Gesellschaft kommt dem Zuschauer das Duo Frank und Roxy, meist höflich, aber bei jeder Spur von Respektlosigkeit dann doch schnell mit einer Kugel zur Hand, auf einmal gar nicht mehr so erschreckend vor. Sie sind nicht das Produkt der Gesellschaft oder Opfer einer schweren Kindheit. Sie sind einfach wütend und blicken mit rechtschaffener Abscheu auf ihre Umwelt. Dass es ihnen nicht gelingt die endgültige Antwort zu finden, sollte dem Film am Ende noch positiv angerechnet werden. Trotz allem boshaftem Amusement, welches man bei diesem Film verspürt, im Hinterkopf wird das soziale Gewissen immer lauter geweckt und man bleibt zum Schluß selbst nachdenklich zurück.

Frank ist glücklich - Gewalt ist zumindest für ihn ein Mittel für eine bessere Gesellschaft

God bless America fehlt die letzte abrundende Finesse zum großen Meisterwerk. Dennoch bleibt er eine der besten Grotesken und politisch unkorrekten Komödien der letzten Jahre. Ein Film zum amüsieren und nachdenken, ohne schweren Pathos oder verhobene Drehbucheskapaden. Chapeau!

  • God Bless America
  • Kino Kontrovers
  • USA 2011
  • Darsteller: Joel Murray, Tara Lynne Barr, Mackenzie Smith
  • Drehbuch & Regie: Bobcat Goldthwait
  • 14,99€ Bei Amazon bestellen

  • Text Copyright 2013 Alexander Lachwitz
  • Cover, Artwork Copyright Kino Kontrovers


1 comment

  1. alex März 6, 2013 3:39 pm  Antworten

    Was meinst was hier los war 😉 Hab erst später bemerkt, dass der schon was älter ist. War wohl mal wieder ein Problem bis sich hierzulande ein Verleih dafür gefunden hat. Muss jetzt unbedingt den World’s Greatest Dad nachholen, der soll ja noch ne Spur flotter sein.

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